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Vereint im Unverständnis

16. Mai 20245 Min. gelesen

Der Eurovision Song Contest soll ein unpolitischer Wettbewerb sein. Die Kontroverse um den Nahost-Krieg und die Teilnahme Israels zeigt: Das ist er nicht. Wer an Einheit interessiert ist, sollte sich das eingestehen.

Ein Kommentar von Felix Meinert 

Wie Schnipsel liegen die Bilder des diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) nebeneinander und ergeben ein chaotisches Gesamtkonstrukt. Man kann sich fragen, welcher Eindruck vom Wettbewerb in Malmö bleiben wird. Sind es die pro-palästinensischen Demonstrant:innen, die dem Teilnehmerland Israel einen Genozid in Gaza vorwerfen? Die Solidaritätsbekundung der deutschen Zuschauer:innen, die die Hälfte der möglichen Punkte an Israel verteilen? Vielleicht sind es die drei Minuten, als die israelische Sängerin Eden Golan auf der Bühne gegen Pfiffe und Buhrufe aus dem Publikum ankämpfen muss – und in der Fernsehübertragung dank Tontechnik nichts davon zu hören ist.

Denn der ESC ist ein unpolitischer Wettbewerb. Oder soll es laut der veranstaltenden European Broadcasting Union (EBU) zumindest sein. Doch überschattet vom Nahost-Krieg, zeigt der skandalgeschüttelte Wettbewerb im Jahr 2024: Dieser Anspruch hat mit der Realität nichts zu tun. Und vielleicht wäre es für einen Wettbewerb, dessen Motto „United by Music“ lautet, Zeit, das einzugestehen.

Beim ESC hat Symbolpolitik Tradition

De facto konnte die EBU, die als Zusammenschluss der europäischen Rundfunkanstalten fungiert, den Grundsatz der politischen Neutralität noch nie einhalten. 1982 gewann die deutsche Sängerin Nicole mit ihrem kriegskritischen Song „Ein bisschen Frieden“ den Wettbewerb. 2021, beim ersten ESC nach dem Brexit, strafte das Publikum Großbritannien mit null Punkten ab. Nur ein Jahr später, nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, wählte es den ukrainischen Beitrag zum Sieger.

Von ebendiesem Wettbewerb hatte die EBU Russland am Tag nach Kriegsbeginn bereits ausgeschlossen. Die Rundfunkunion begründete ihre Entscheidung in einer Pressemitteilung damit, dass die Aufnahme Russlands den Wettbewerb „in Verruf bringen“ würde – nur um zwei Zeilen später zu betonen, dass man als Rundfunkunion unpolitisch sei.

Aber unpolitisch ist weder die Rundfunkunion noch das ESC-Publikum. Sänger:innen werden zu Repräsentant:innen ihres Landes und ihrer Regierung umgedeutet. Es geht um Sympathie, um Solidarität und den Entzug von Solidarität. Die Botschaften, die von diesem Wettbewerb ausgehen, haben zwar vor allem symbolischen Charakter. Jedoch verfangen die Bilder, die vom ESC ausgehen, im massenmedialen Diskurs und damit in den Köpfen der Menschen. Und die Bilder aus Malmö zeugen in keiner Weise von Einheit oder Zusammenhalt.

Ein Ort der Begegnung?

Dort mischt sich legitimes Entsetzen über die vielen zivilen Opfer in Gaza mit Hetze und  antiisraelischem Ressentiment, während ein überfordertes Komitee scheinbar auf das Verstummen der Menge hofft. Eden Golan trägt ein Lied vor, das sie umschreiben musste, weil der ursprüngliche Text zu eindeutig auf den Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober Bezug nahm. Dass mit Nemo erstmals in der Geschichte eine nicht-binäre Person den ESC gewinnt, erscheint da fast wie eine Randnotiz.

Es sind Szenen, die in ihrer Gleichzeitigkeit völlig widersprüchlich erscheinen. Politische Enttäuschungen und Erwartungen, die in keiner Weise zueinander finden. Das ist auch das Ergebnis eines Wettbewerbs, der die offene politische Auseinandersetzung nicht erlaubt, Kontroversen und Verschiedenheiten lieber vertuscht. Die Frage muss erlaubt sein: Wäre ein Großereignis, das sich „United by Music“ auf die Fahnen schreibt, nicht ein Ort gewesen, um Begegnungen zu ermöglichen?

Man kann freilich nicht erwarten, dass der ESC den demokratischen Diskurs rettet oder die ideologischen Gräben im Nahost-Konflikt schließt. Der ESC ist ein massenkulturelles Event. Doch als solches verfügt er zumindest prinzipiell über eine Integrationskraft, die sich nutzen ließe, um auf menschliche Schicksale aufmerksam zu machen und sie einem breiten Publikum näher zu bringen. Die Gelegenheit, das Leid auf der israelischen und der palästinensischen Seite sichtbar zu machen, hat der ESC 2024 verpasst. Solange er alles annähernd Politische von der Bühne auf die Straße und in die Leitungen der Voting-Telefone verbannt, wird der ESC keine Versöhnung erreichen – und keine Einheit.

Foto: Sarah Louise Bennett / EBU

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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