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„Verlieb‘ dich nicht in mich“

19. September 20224 Min. gelesen

Das männliche Anti-Liebeslied ist heute prägender Teil der Popkultur. Hinter einer Fassade der Coolness verbirgt es tiefe Existenzangst.

Es ist der Geruch nach Koks, Geld und Testosteron, den man in einer bestimmten Nische der heutigen Pop-Landschaft wahrnimmt. Da dröhnen 80er-Bässe, scheppern Reggaeton-Beats und Trap-Perkussion. Aus dem Halbdunkel der Discokugel tritt ein (betont männlicher) Sänger hervor, kurz vor der Überdosis Coolness, und macht sich siegessicher an die Frauen heran – doch von Liebe will er nichts wissen, singt er.

Das männliche Anti-Liebeslied, in dieser buchstäblich toxischen Ausprägung, ist inzwischen ein prägender Teil der Popkultur. Dazu hat vor allem The Weeknd beigetragen, der sich gerne als herzloser Casanova („Low life for life, ‘cause I’m heartless”) stilisiert. Aber auch Künstler wie RIN, Future und Bad Bunny verbinden in ihren Texten regelmäßig übergriffigen Machismo und wilde Drogenexzesse – eine Mischung, die sich gut mit emotionaler Taubheit verträgt.

Die Geschichte, die diese Künstler erzählen, mutet wie eine Ausweitung des alten Mythos um sex, drugs and rock ’n’ roll an: eines Lebens, als gäbe es kein Morgen. Doch der gefährliche Charme des Handelns ohne Rücksicht auf Verluste klingt weitaus weniger spaßig als in der Vergangenheit. Auf dem trüben Dancefloor der Gegenwart, zu Trap-Beats statt Gitarrensoli, haben sich Paranoia, existenzielle Angst und innere Leere den Weg gebahnt. 

The Weeknd etwa versprüht höchstens im Angesicht des drohenden Endes einen Funken Romantik: „If I OD, I want you to OD right beside me.“ Dennoch klingt er, als sei seine größte Angst nicht der mögliche Absturz, sondern die sich anbahnende Nüchternheit – und als klammere er sich an das letzte bisschen Nähe, um ihm Trost zu schenken, wenn er von seinem Trip herunterkommt: „I always want you when I’m coming down.“ 

©unsplash – Alexander Popov

Ausdrücklicher als im sex, drugs and rock ’n‘ roll von früher wird der destruktive Charakter dieses Hedonismus heute mitreflektiert. Gleichzeitig wird er umso schamloser ausgelebt. Dem Bewusstsein über die eigene Unzulänglichkeit, die Untauglichkeit als Partner wohnt häufig blanker Nihilismus inne. So heißt es in der deutschen Übersetzung von Bad Bunnys „Tití Me Preguntó“: „Ich werde dir das Herz brechen. Verlieb‘ dich nicht in mich. Sorry, so bin ich halt.“

In anderen Worten: An den Exzessen und der Objektivierung von Frauen wird sich ohnehin nichts ändern – also kein Grund, die eigenen Angewohnheiten weiter zu hinterfragen. Leben im Jetzt. Hinter dieser Fixierung auf die Gegenwart, dem alleinigen Fokus auf sofortige Bedürfnisbefriedigung, verbirgt sich in Wahrheit das Ausblenden einer Zukunft, die unter Fortbestand eines destruktiven Lebensstils niemand garantieren kann.

Doch Liebe und Partnerschaft setzen eine Zukunft voraus. Bis morgen zu leben und nicht alles verloren zu haben, bevor man es mit jemand anderem teilen kann – das lässt sich im Rausch des selbstzerstörerischen Hochmuts nicht versprechen. Anstatt dieser Tatsache ins Gesicht zu blicken, ist es einfacher, die Fassade der Coolness aufzusetzen und zu sagen: „Heute Nacht verbringen wir zusammen. Aber verlieb‘ dich nicht in mich.“

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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