Ein Beitrag von Max Kather
“Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!” (Ein Jahr (Es geht voran) – Fehlfarben, 1980)
Kurzer Throwback: Vor mehr als 40 Jahren kam inmitten der 68er Bewegung, dem Kalten Krieg und politisch turbulenten Zeiten ein neuer Sound in der deutschen Popmusik an die Oberfläche: die Neue Deutsche Welle (NDW). Anfangs noch als rebellische Antwort auf New Wave und Punk aus Großbritannien und die USA besangen Bands wie Fehlfarben, Hans-a-Plast und Deutsch-Amerikanische Freundschaft (DAF) auf Deutsch das damalige beklemmende Lebensgefühl der 1980er Jahre. Damals wie heutige drängende Themen wie technologischer Wandel, zunehmende Konsumkultur, der Kalte Krieg sowie politische und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit waren für viele junge Menschen prägend, wogegen die NDW versuchte, einen musikalischen Gegenentwurf entgegenzusetzen.
Aber schon damals entpuppte sich die NDW-Landschaft als heterogen und spaltete sich in zwei Lager – die, die aus der Punk-Bewegung kamen, auf der einen Seite und die, die sich dem Pop-Mainstream zuwendeten. Die ausufernde Kommerzialisierung setzte dann ab den 1980er immer stärker ein, mit u.a. Auftritten in der ZDF-Hitparade. Das führte dazu, dass die Musikindustrie versuchte, das Erfolgsrezept des innovativen NDW-Sounds sooft zu reproduzieren, dass vom kreativen Anfangsspirit nichts mehr übrig blieb und sich die NDW-Szene untereinander entfremdete und nach nur vier Jahren auflöste.

Foto: Tapete Records / Neal McQueen
“Ich verschwende meine Hoffnung und alles zerfällt” (Verschwende Deine Jugend – Edwin Rosen, 2021)
Flash-Forward 2026: Fast 45 Jahre später flimmert der NDW-Geist wieder auf und erlebt seit der Corona-Pandemie 2020 eine Revival, nun unter dem Namen: Neue Neue Deutsche Welle (NNDW). Der Stuttgarter Musiker Edwin Rosen hat in dem Pandemiejahr mit seinem Song “leichter//kälter” den Startschuss für die NNDW-Szene gegeben. Szene ist hierbei das richtige Stichwort, denn NNDW bezeichnet kein Genre trotz einiger thematischen und musikalischen Überschneidungen. Zu unterschiedlich sind die NNDW-Künstler:innen und Bands in ihrem musikalischen Ansatz, der von Goth, (Post) Punk, Electro, über New Wave, Dark Wave bis Pop und Shoegaze reicht und vor Experimentierfreudigkeit keinen Halt macht.
In Anlehnung an Dietrich Diederichsens Beobachtungen der NDW kann unter dem Begriff der NNDW eher singuläre Indie-Phänomene zusammengefasst werden, die wenig miteinander zu tun haben, außer dass sie zeitgleich stattfinden und in ihrer Haltung und Aufmachung anders sind, als man es bisher im Mainstream kannte. Deshalb beschreibe die NNDW grundsätzlich weniger eine Musikrichtung – da sich auch nur wenige Künstler:innen direkt von der NDW-Tradition inspiriert lassen haben – sondern funktioniere mehr als eine Szene-Bezeichnung. Das erklärte Roman Paetin, Sänger der Band Temmis, in einem Interview mit SWR-Kultur erklärte.

“Und sie sagen: “Es wird besser mit der Zeit”, Wann kommt die Zeit, von der sie reden? (Manchmal – Steintor Herrenchor, 2023)
Der Trademark der NNDW ist ihre Haltung, musikalisch etwas Anderes als der populäre Mainstream zu machen und sich dabei von dessen Genrezuschreibungen zu lösen. Die Musik von Steintor Herrenchor, Nils Keppel oder Edwin Rosen verschreibt sich der Authentizität und dem Ausdruck der eigenen Gefühlswelten. Viele NNDW-Künstler:innen mussten ihren Karriereanfang in den Corona-Jahren machen, was die NNDW zur Musik einer Generation macht, die die wichtigsten Jahre ihrer Jugend und ihres jungen Erwachsenenlebens isoliert zu Hause verbracht hatte und sich seitdem einer globalen Krise nach der nächsten – Corona, Ukraine-Krieg, Klimakrise, Inflation, Rechtsruck, Krieg in Gaza – ausgesetzt sehen. An diesem Punkt knüpft die NNDW an das Lebensgefühl voller Lethargie und Hoffnungslosigkeit der jüngeren Generation aus den 1980ern an – Erwachsenwerden in Krisenzeiten, eine eine Lebenslast, die ihren eigenen Soundtrack bedarf und als emotionaler Support dabei wenigstens etwas Halt gibt.
Um diesen Entwicklungen im Außen etwas zu erwidern, besinnen sich NNDW-Artists auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt und versuchen auf Deutsch eine musikalische Sprache für all die turbulenten und erschlagenen Geschehnisse im Außen zu finden. Dabei behandeln sie vor allem Themen direkt aus der Lebensrealität junger Menschen: Melancholie, Nihilismus, Eskapismus, Aussichtslosigkeit, Angst, Herzschmerz und Überforderung mit dem Erwachsenwerden. Die deutschen Texte sind dabei ein bewusstes Mittel, denn sie transportieren ungefiltert einfache, aber eindrückliche Bilder, verpacken Beobachtungen und Gefühle so zu etwas Besonderem, das bei den Zuhörenden für Identifikation sorgt – “ich fühle mich gesehen” – und stellen somit auf Konzerten einen direkten Kontakt zwischen Band und Crowd her.

“Gib mir die Hand, als hätte ich nie mit anderen getanzt. Und bring mir bei, wie man zerfällt. Komm bau’ mich auf, zeig mir die Welt.” (Wellblech – Nils Keppel, 2023)
Auf NNDW-Konzerten tummelt sich ein breites, junges Publikum aus den verschiedensten Subkulturen von Goth bis Indie und repräsentieren dabei einen kommunalen Vibe mehrer Szenen, die sich nicht von der “Fame-Kohle-Sex-Neoliberalen Logik” vereinnahmt lassen wollen, wie es der Autor Sascha Ehlert beschrieb (Das Wetter Magazin 2023 Printausgabe 031). So werden NNDW-Konzerte zu einem Zufluchtsort für junge Menschen fernab des Digitalen und Krisen, wo sie ein bisschen Utopie und Eskapismus leben können. Ganz nach dem alten Punk-Mantra “No-Future” wollen Crowd und Artists zusammen nicht an die Zukunft und den nächsten Morgen denken und lieber kollektiv den Moment fühlen. Daraus spricht das gemeinsame Wertegerüst der NNDW aus Solidarität, Diversität, Offenheit und Mental-Health-Sensibilität, wodurch freie Entfaltung und gegenseitige Rücksichtnahme gelebt wird.
Charakteristisch für die NNDW bleiben, ähnlich wie für die NDW, die einfach gehaltenen Drum-Machine-Beats, melancholische Synth-Melodien, hallender-monotoner Gesang, alles verpackt im 8er-Takt Songs. Analog zu ihren geistigen NDW-Vorbildern verzichtet die NNDW auf Perfektionismus in Zeiten von KI und unbegrenzten technischen Möglichkeiten und widmet sich ganz nach dem alten NDW-Ansatz “Jeder, der drei Akkorde auf der Gitarre beherrscht, kann eine Band gründen” unperfekten DIY-Produktionen. Diese Einstellung senkt die Hemmschwelle, sich dieser vielseitigen Szene anzuschließen, so dass regelmäßig immer neue Artists mit neuen Nuancen in ihrem Sound auf der NNDW-Bildfläche erscheinen. Auf maximalen musikalischen Output wartet man dabei aber vergebens, denn NNDW-Artists wollen nur Musik machen, auf die sie gerade Lust haben, fernab von kommerziellen Überlegungen und Algorithmenoptimierung. Trotzdem sind Künstler wie DiggiDaniel und Edwin Rosen mittlerweile bei Major Labels unter Vertrag, die das Potential dieser Szene immer mehr erkennen. So bleibt die NNDW trotz großer Künstler wie Edwin Rosen mit 1,2 Millionen monatlichen Hörer:innen auf Spotify und Major Label Interesse überschaubar und noch weit von dem Sellout der NDW in den 1980ern entfernt.
“Brems mich mit aller Kraft. Hast du schon mal versagt?. Ich renne die ganze Nacht. Ich halte dich nicht” (Rennfahrer – Modular, 2024)
Dennoch muss man konstatieren, dass im Zuge des NNDW-Revivals FLINTA*-Stimmen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde – trotz der NDW-Tradition von Bands wie Malaria! oder Östro430, wie die Picky Magazine Autorin Elisa im Jahr 2023 anmerkte. Unterdessen hat sich die NNDW in ihrem musikalischen Gewand weiter ausdifferenziert in Sub-Sparten und so finden Bands wie Salo, Anda Morts oder Grenzkontrolle zu den Punk-Wurzeln der NDW-Bewegung zurück. Wichtig, um nicht in der Belanglosigkeit zu landen, denn die NNDW befinde sich, so Steintor Herrenchor-Sänger Timon Kirstein im Tagesspiegel-Interview in 2024, an einem Kipppunkt und müsse sich neu ausrichten mit anderen Instrumenten und Themen für mehr kulturelle Beständigkeit.
In welche Richtung es zukünftig geht, das steht und fällt mit dem musikalischen Willen der Artists, sich nicht von außen vereinnahmen zu lassen durch die Musikindustrie und den Medien, die ihnen das starre NNDW-Etikett verpassen möchten. Auch die gesellschaftliche und politische Lage spielt eine Rolle, denn einerseits lebt die Szene davon, sich in ihrem Wertesystem gegen den Zeitgeist und Konformität zu stellen und andererseits gibt sie nach wie vor einer krisengebeutelten Generation ihren Soundtrack. Angesichts der nicht nachlassenden Krisenzeiten ist die Entwicklung der NNDW-Szene wichtiger denn je, wenn in aussichtslosen und düsteren Zeiten Musik das einzige Mittel für Hoffnungen und Träume bleibt.




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