Wird geladen
svg
Offen

Völlig losgelöst?

3. Juni 20268 Min. gelesen

Einst patriotische Nabelschau, dann integrativer Populismus, heute globaler Kommerz: Die Rolle der Musik bei Fußball-Weltmeisterschaften hat sich historisch stark gewandelt.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026, so viel steht schon lange fest, soll ein Turnier der Superlative werden. Erstmals in ihrer Geschichte findet die WM der Männer in drei verschiedenen Ländern statt, über den gesamten nordamerikanischen Kontinent verteilt. Erstmals sind 48 statt wie bisher 32 Nationen vertreten, sodass auch der Spielplan und das Ticketkontingent deutlich anwachsen. Zudem haben der Weltfußallverband FIFA und die von ihr ausgewählten Rundfunkanstalten diesmal nicht etwa einen offiziellen Song auserkoren, um das Turnier musikalisch zu repräsentieren – sondern ganze sieben plus einen Remix. Hinzu kommen offizielle Sponsoren-Songs, die die Sichtbarkeit von Marken wie Coca-Cola oder McDonald’s Deutschland garantieren. Dabei fing das Musikgeschäft im Weltfußball einmal ganz bescheiden an.

Patriotische Anfänge

Wobei „bescheiden“ eigentlich das falsche Wort ist. Bis in die frühen 1960er-Jahre gab es zwar keine offiziellen WM-Songs, schon gar nicht solche von globalem Maßstab; dafür begleiteten weitgehend patriotische, oft marschähnliche Lieder die frühen Turniere oder werden rückblickend mit ihnen in Verbindung gebracht. Der ersten WM 1930 im Gastgeberland Uruguay wird im Fußballkanon die Hymne „Uruguayos Campeones“ („Siegreiche Uruguayer“) zugeschrieben; komponiert wurde diese bereits in den 20er-Jahren im Rahmen eines Südamerika-weiten Turniers.

Vier Jahre später, zur Zeit des aufstrebenden Faschismus, empfing Mussolinis Italien die Fußballnationen der Welt. Im Gastgeberland diente dem Mythos zufolge die „Canzone Azurra“ („Blaues Lied“) als sportliche Hymne, ein von Mario Moretti komponiertes Stück zu Ehren der italienischen Luftwaffe. Ob dies historisch tatsächlich der Fall war, lässt sich heute schwer überprüfen. Jedenfalls hallte die militante Ästhetik auch in den Turnieren nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Noch im Jahr 1958 spielte das Blasmusikkorps des Schwedischen Heeres einen Instrumentalmarsch für die Heim-WM. Die Devise hieß martialischer Gleichschritt, nicht leichtfüßiges Dribbling.

Die Fußballhymne entfaltet Integrationskraft

Der erste offizielle WM-Song ertönte dann 1962 in den Konzerthallen und Radiostation des Gastgeberlands Chile: „El Rock del Mundíal“ („Der Rock der Weltmeisterschaft“) von der Band Los Ramblers entwickelte sich mit seinem tanzbaren Rock’n’Roll-Groove schnell zum Hit und weckte landesweit das Fußballfieber.

Es begann nun eine neue Phase der WM-Hymne. Nicht mehr die Militärs und die politische Elite gaben den Ton an – der Kollektivgeist des Fußballs und seiner Musik sollten das sportbegeisterte Volk mit seinen Vorbildern und untereinander vereinen. Was die Mannschaft im Kleinen, ist die Gesellschaft im Großen: „Ja, Einer für Alle, Alle für Einen / Wir halten fest zusammen / und ist der Sieg dann unser / sind Freud’ und Ehr‘ für uns alle bestellt“, heißt es im deutschen Schlager „Fußball ist unser Leben“ von 1974. Der Patriotismus ist hier nicht verschwunden, doch er äußert sich eben im Toreschießen.

Der integrative Charakter der WM-Musik nimmt in den folgenden Jahrzehnten immer mehr populäre und globale Züge an. Das gilt für das Lied „Mexico 86 (El mundo unido por un balón)” („Die Welt durch einen Ball vereint”) ebenso wie für jenen Song, der 1990 als erster offiziell von der FIFA autorisiert wurde: „Un‘ estate italiana (Notte magiche)“ („Ein italienischer Sommer (Magische Nächte)“). Darin beschwören Edoardo Bennato und Gianna Nannini das kindliche und doch in uns allen verankerte Gefühl, im Sport ein Abenteuer zu erleben. Diese universelle Verbundenheit, klanglich immer wieder durch skandierende Chöre ausgedrückt, prägt auch Herbert Grönemeyers „Zeit, dass sich was dreht“, den Soundtrack des deutschen „Sommermärchens“ von 2006.

Immer mehr Songs, immer weniger Euphorie

Spätestens seit 2006 konkurrieren mehr und mehr WM-Songs miteinander, offizielle, inoffizielle und kommerzielle. Den allermeisten werden „54, 74, 90, 2006“ von den Sportfreunden Stiller und „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo im Kopf geblieben sein. Handelte es sich bei diesen beiden Songs um Fan-Hymnen, so fungierte 2010 „Wavin‘ Flag“ von K’Naan als Werbesong von Coca-Cola. Dieser schaffte es ebenso wie der offizielle WM-Song für Südafrika, Shakiras „Waka Waka“, auf die Nummer 1 der deutschen Charts: ein Erfolg, den seitdem kein einziger offizieller WM-Song auch nur im Ansatz erreichen konnte. Allein die ARD-Singleauskopplung „Auf uns“ von Andreas Bourani schaffte es 2014 an die Spitze der deutschen Charts.

Während sich also um den Weltfußball ein immer weiter ausufernder Musikmarkt gebildet hat, scheint der integrative Charakter der Musik selbst zunehmend verloren zu gehen – zumindest in Deutschland. Daran haben auch die sieben diesjährigen WM-Songs – darunter „Lighter“ von Jelly Roll und Carin León sowie „Dai Dai“ von Shakira und Burna Boy – bisher nichts geändert. Neben dem schieren Überangebot könnten dabei zwei weitere Faktoren eine Rolle spielen: erstens die zunehmende Internationalisierung des Geschäfts. Für die FIFA und ihre Sponsoren tun sich heute Weltstars zusammen, um ein mehrsprachiges Produkt auf den Markt zu bringen. Es wird also ein immer breiteres Netz gespannt, doch die Musik und die Musiker:innen wirken dabei oft austauschbar.

Zweitens hat die allgemeine WM-Euphorie in Deutschland zuletzt spürbare Dämpfer erlebt. Die beiden letzten Gastgeber, Russland und Katar, waren hochumstritten. Und das anstehende Turnier in den USA, Kanada und Mexiko wird von mehreren Umständen überschattet: kritisiert wird nicht nur die prekäre Sicherheitslage im vom Bandenkriminalität geplagten Mexiko, sondern auch das imperialistische Auftreten eines US-Präsidenten, der in Sachen Völkerverständigung nicht gerade als Vorbild glänzt. Dies jedoch hinderte FIFA-Präsidenten Gianni Infantino nicht daran, Donald Trump im Vorfeld einen eigens geschaffenen „FIFA-Friedenspreis“ zu verleihen. Hinzu kommt die Kritik am neuen Turniermodus und der erwartbar schlechten Klimabilanz einer kontinental ausgetragenen WM. All diese Umstände zeugen aus Sicht vieler Fans von einer Fußballindustrie, die immer schamloser ihren eigenen Profitinteressen nachgeht und sich vom Sport und seinen Fans – um es mit einer weiteren Fußballhymne zu sagen – völlig losgelöst hat.

Illustration: Zongqi He

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

svg

Was denkst du?

Kommentare anzeigen / Kommentar hinterlassen

Sag uns, was du denkst

Wird geladen
svg