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Von der Schönheit des Pop und Negroni: Die Libellen im Gespräch

16. September 202611 Min. gelesen

Die Band Die Libellen schwirrt seit ein paar Jahren in der Münchner Musikszene herum und hat nun zwei frische EPs am Start. Ihre Songs bewegen sich zwischen Gitarrenrock und Folk und erzählen vom Münchener Stress bis über Wirtschaftsfrauen. Spitz, verwunschen, manchmal schweifend. Was die Band so bewegt, dazu stand uns Leadsänger Christian Schober Rede und Antwort. 

Frequenz: Braucht es mehr verwunschenen Indie in der aktuellen Weltlage? 
Christian Schober: Unbedingt. Darf verwunschen, aber auch verspult, verpeilt oder verloren sein. Hauptsache es zwickt ein bisschen an Perfektion, Rationalität und Realitätsprinzip.

 

Bei euren Texten und Songs kommen verschiedene Assoziationen hoch: Ein bisschen Hamburger Schule, ein bisschen Element of Crime oder Isolation Berlin, vielleicht auch Buntspecht oder Olli Schulz. Was und wer inspiriert euch zur Musik? 
All die genannten Künstler:innen lieben wir. Unser Bassist Jan besitzt absurd viele Original-Tocotronic-Setlists aus vier Jahrzehnten. Jochen Distelmeyer gehört auch noch ganz nach oben.

Musik in München

In dieser Rubrik lest ihr regelmäßig Interviews, Konzertberichte und Porträts direkt aus der Münchner Musikszene. Hier kommen die Musiker:innen, Bands, Labels und Kultur der Stadt zu Wort.

Am meisten geklaut hab ich aber wahrscheinlich bei Lassie Singers. Christiane Rösinger schreibt die besten Anti-Liebeslieder ever. So etwas in dem Geist zu schreiben, würde ich noch gerne schaffen. „Liebe wird oft überbewertet“, „Freiheit aus einem Männermund (Kotzen)“ gehen heute immer noch genauso. 

 

Eure Texte schunkeln augenzwinkernd zwischen Alltagsfragen und verschlungenen Wortspielen. Lasst uns ein bisschen einblicken in den Schreibprozess, wie entstehen die Texte? 
Ungefähr die Hälfte der Texte lass ich von anderen Leuten schreiben. Nämlich von denen, die hier so rumlaufen. Ich notiere mir Sätze, die die Münchner*Innen so sagen, in der S-Bahn, im Büro, an der Isar. Das Lied „Yogapants unter Trenchcoat“ ist weitgehend aus solchen Sätzen zusammengeflickt. Es ist so interessant und aussagekräftig, wie und über was man hier so spricht. Notizen aus letztem Monat zum Beispiel: „Simon ist on vacay und Paul fast nie im Office“ oder „Hol bitte noch Supplements, die, die ich immer hab.“ Beruf, Karriere, Leistungsprinzip, Maximierung aller Lebensbereiche sind ständig präsent, auch im Privaten. Die andere Hälfte sind persönliche kleine Gedanken, Träume und so weiter, die weird genug sind oder irgendwie stimmungsvoll. Z.B. letztens: „Nirgends sieht ein Mensch so einsam aus wie alleine an der Bar.“ 

Die Band Die Libellen. Foto: Tobias Meier.

Seit mehreren Jahren spielen Die Libellen als Band, jetzt suchen Sie nach einem passenden Label. Foto: Tobias Meier.

Manche Songs haben einen spitzen Witz, manche, wie „Wer von hier oben auf die Stadt blickt“, lassen wunderschön schweifen oder andere gar tanzen und zwischendurch gibts immer wieder ein Hirnbatzl. Bedeutungsschwere Frage, aber was bedeutet euch die Musik und der Ausdruck durch diese? 
Bedeutungsschwere Antwort: Was wir versuchen, mit der Musik auszudrücken, könnte man  auch in anderen Formen machen, Prosatext, Film usw. Aber erstens können wir nur das und zweitens ist es so einfach und befriedigend einen Popsong mit ein paar Zeilen zu schreiben, weil alles so schnell und billig geht und so direkt die Menschen erreicht. Terrence Malick macht den Film „Badlands“ und Bruce Springsteen schafft es im Song „Nebraska“, fast genau die gleiche Stimmung und Aussage zu vermitteln, nur mit minimalen Mitteln. Das ist das Magische an Popsongs. 

Und daran anschließend, was löst sie in den Menschen aus? Was sind so die Reaktionen? 
Die wertvollsten Reaktionen für mich sind von Menschen bei Konzerten. Viele davon haben unsere Musik noch nie gehört. Wenn Leute genau zuhören und an bestimmten Stellen lächeln, ist das Ziel schon erreicht. Wenn jemand mit irritiertem oder schockiertem Blick das Gesungene aufnimmt, ist’s aber genauso gern gesehen.


Die nächsten Konzerte von Die Libellen in München
1. Oktober I X-Bar im Lehel zusammen mit Die Prokrastination
10. Dezember I Roody Giesing

In welchem Café sind Münchens Wirtschaftsfrauen am ehesten auf einen Flat White anzutreffen und welche drei Fragen würden euch dann auf der Zunge brennen?
Da nehm ich mal das Café Blá bei mir in der Au. Das wird im Song „München rückt seine Wirtschaftsfrauen ins Licht“, auf den du anspielst, erwähnt. Wochentags hohe Laptopdichte, aber es gibt auch den besten Filterkaffee dort und super Brownies. Fragen würde ich: Wo siehst du dich in fünf Jahren? Wo geht dein nächster Urlaub hin? Was gibt deinem Leben Purpose?

Flat White, Negroni, Helles: Was ist für euch das essenzielle München-Getränk, das ihr immer bestellt? 
Negronis finde ich optimal für Daydrinking, denn nach einem kannst du direkt alles streichen, was du dir noch vorgenommen hast. Ansonsten bestell ich oft ein dunkles Bier. Man sollte generell weniger Helles und mehr Dunkles trinken, wie erwachsene Leute halt. Der Rest der Band besteht aus straighten Alkoholfrei-Biertrinkern. 

Schwirrt das Münchner Lebensgefühl durch die Texte von Die Libellen? 
Das wär schön. Im besten Fall vermitteln die Texte ein bisschen, wie es ist, hier zu leben. Ich habe ein Lied in Arbeit namens „Hochleistungsmenschen im Paradies“. Das wär vielleicht ein passender Claim für München. So statt „Weltstadt mit Herz“. Wir sind alle wahnsinnig ambitioniert und busy, obwohl man hier auch so entspannt und schön leben könnte. München ist oft Stress. Stress im Office, beim Parkplatzsuchen, beim Restauranttischreservieren. Obwohl die Grundstruktur hier die einer gemächlichen Provinzstadt ist. 

Könnt ihr uns mehr über eure Faszination für „Chinesische Schriftzeichen“ verraten? Wie kam die Idee für diesen Song?  
Das ist eher so ein sanft satirischer Song über kulturelle Aneignung und das Heilsversprechen, das wir in anderen Kulturen suchen. Beliebt sind ja Tattoos oder diverse Deko, Wandschmuck etc. mit asiatischen Schriftzeichen. Dadurch, dass wir sie aus dem ursprünglichen Kontext lösen, verlieren die Zeichen ihre Bedeutung und werden mit dem aufgeladen, was wir uns in unseren Leben mehr wünschen. 

Klassische Frage, aber was sind eure Hintergründe und wie nahm das ganze Bandprojekt „Die Libellen“ seinen Lauf? 

2014 hatte ich ein paar Lieder mit deutschen Texten fertig. Ich hab unseren Drummer Olli gefragt, mit dem ich schon seit 2005 in anderen Bands zusammenspielte, ob er dabei ist. Das ist schön, denn so können wir immer noch zusammen über alberne Sachen lachen, die vor 20 Jahren passiert sind. Dann kam direkt Jan am Bass dazu, der ein Kommilitone von einer Mitbewohnerin war. 

 

Ihr schwingt auf euren EPs zwischen akustischer Schlichtheit und aufbrausenden Gitarren-Rock, na was darfs denn nun sein? 

Es darf immer beides sein, muss sogar. Denn oft soll der Klang bisschen im Kontrast zum Text stehen. Ein sentimentaler Text reibt sich nett an punkigen Schrammelgitarren. Oder ein selbstironischer Text an einer streng gestrummten Folk-Gitarre.

Und was entstand da zusammen mit Maxi Wörle im Studio und was dürfen wir da erwarten?
Wir haben mit Maxi eine Fünf-Song-EP aufgenommen, darauf ältere Songs wie „Irgendwas verbindet uns“ und Neueres wie „Von hier bis zum Siegestor“. Unsere bisherigen Aufnahmen waren ziemlich lo-fi, jetzt wird es größer klingen mit mehr instrumentalen Details. Bei 36-Grad-Juli-Hitze waren wir fünf Tage in Augsburg im Studio, haben tagsüber Biergarten- und Badepausen gemacht und dann bis 2 Uhr nachts aufgenommen. Gerade sind die Aufnahmen noch im Mixing. Es war eine schöne, inspirierende und lustige Session. Wir sind Fans von Maxis letzten Produktionen für Angela Aux, Lener oder Malva und wenn das Ergebnis nur annähernd so gut wird, sind wir happy.

Wo soll die Band-Reise nun hingehen? 

Die neuen Aufnahmen würden wir kommendes Jahr am liebsten erstmals mit einem Labelpartner veröffentlichen. Also steht das Finden eines passenden Labels gerade an erster Stelle. Ansonsten freuen wir uns auf einige anstehende Konzerte, zum Beispiel am 1.10. in der X-Bar im Lehel mit unseren Freunden von Die Prokrastination oder am 10.12. im Roody in Giesing.

Balthasar Zehetmair - Redaktion

Musik hält mich am Leben, es ist meine unerschöpfliche Energiequelle. Doch es ist nicht nur die Musik, sondern besonders die Menschen mit ihren Geschichten dahinter reizen mich immer wieder. Meine Heimatstadt München mit ihrer Szene im Herzen höre ich mich von hier aus durch die ganze Welt. Enjoy the Music, not just hear it.

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