Die Popmusik um 1980 war von Zukunftsangst und Euphorie gleichermaßen geprägt. Was haben uns Fehlfarben, Kraftwerk und Laurie Anderson heute noch zu sagen?
Geschichte wird gemacht! Das ist wohl schon eine ganze Weile so, aber spätestens seit 1980 wissen wir es auch. Damals brachte die Post-Punk-Band Fehlfarben die Einsicht, dass wir selbst Dinge verändern und Wandel anstoßen können, auf diesen vielzitierten Slogan: „Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / Es geht voran!“, so skandiert es Frontsänger Peter Hein auf dem Song „Ein Jahr (Es geht voran)“. Er übt damit ohne Zweifel eine ironische Kritik an unserem modernen Fortschrittsglauben. Doch wenn wir darüber hinwegsehen, lässt sich aus diesem Slogan vor allem eines lernen: Wenn Geschichte gemacht wird, sind wir es, die um die Gestaltung der Zukunft ringen. Und einer der Austragungsorte dieses Kampfes ist die Musik selbst.
Springen wir also zurück ins Jahr 1980, als Fehlfarben selbst mit diesem Song Pop-Geschichte machten. Der Kalte Krieg ist noch immer in vollem Gange, die ersten PCs drängen auf den Markt, die zweite Ölkrise lähmt die Weltwirtschaft. Das jahrzehntelange Wachstum der europäischen Wirtschaften erlebt nun mehrere Dämpfer. Gleichzeitig versprechen neue Technologien noch größeren Wohlstand, nicht aber ohne den Menschen politisch und psychologisch viel abzuverlangen – es ist im Prinzip die Geschichte, die Pink Floyd fast die gesamten 70er-Jahre lang erzählten. Euphorischer blickten zu dieser Zeit der Jazz-Avantgardist Sun Ra und die Funk-Band Parliament in die Zukunft: In ihrem Afrofuturismus birgt das Streben ins Weltall das Potenzial eines befreiten Lebens jenseits des irdischen Rassismus.
Autobahn in den Abgrund?
Zukunftsangst und Aufbruchstimmung machten sich in den 70er-Jahren gleichermaßen breit. Der technische Fortschritt, der städtische Wandel, die nukleare Bedrohung: Sie alle prägen zu dieser Zeit die Zukunftsvisionen in der Popmusik. Das deutsche Paradebeispiel ist Kraftwerk. In den 70ern vertonen die Düsseldorfer den Glauben an ein Modernisierungsversprechen: die „Autobahn“ als Fenster in eine grenzenlose Welt. „Europa Endlos“ winkt schon.
Doch binnen weniger Jahre wird diese Fortschrittserzählung mehr und mehr von einer düsteren Vision überschattet. Denn der Preis des Wohlstandsgewinns ist hoch, „Radioaktivität“ umgibt uns wie ein unsichtbarer Feind. Auf dem Weg in eine „Computerwelt“ kontrollieren zunehmend die Technologien den Menschen und nicht umgekehrt. Die Privatsphäre fällt immer mehr dem überwachten Konsum und (vermeintlichen) Sicherheitspolitiken zum Opfer: „Interpol und Deutsche Bank / FBI und Scotland Yard / Flensburg und das BKA / haben unsere Daten da.“ Dass Kraftwerk da noch keine Ahnung von Google und Meta hatten, muss man nicht betonen.
Auch in den USA beginnt in den 1980ern der Glaube an Aufstieg und Modernisierung zunehmend zu bröckeln. 1982 zeichnet Laurie Anderson das musikalische Porträt einer Gesellschaft, die angesichts des technischen Fortschritts nach Halt und Orientierung sucht. „O Superman“, Andersons bekanntester Song, beschwört die Angst vor einem ausufernden Militärapparat, der Sicherheit verspricht, aber an seinen eigenen Ansprüchen zugrunde geht. Währenddessen scheint der rasche Wandel der Großstadt die bloße Hülle einer Lebenswelt zu hinterlassen.
Auch die japanischen Electronic-Pioniere Yellow Magic Orchestra begreifen die Großstadt als Gesicht des Wandels. Ihr Song „Technopolis“ ist von den Klanglandschaften des modernen Tokios inspiriert. Gedämpfte Vocoder-Durchsagen aus der Bahn, blubbernde Keyboard-Sounds, ein Synthesizer-Riff wie aus einer Spielhalle: Es geht im Tokio der frühen 80er ähnlich chaotisch zu wie auf einem expressionistischen Gemälde.
In der Popkultur werden Ängste und Hoffnungen verarbeitet
Wird Geschichte also wirklich gemacht? Oder passiert sie uns einfach, zieht ungreifbar und immer schneller an uns vorbei? Kehren wir zu den Autoren dieses Slogans zurück, der Band Fehlfarben, begegnen wir jedenfalls optimistischeren Aussichten. Ihr Song „Militürk“ bringt eine zunehmend unpopulär gewordene Hoffnung zum Ausdruck: dass nämlich Einwanderung Dinge zum Besseren verändern kann. Fehlfarben blicken auf die wachsende türkische Community im Berlin der damaligen Zeit und die neuen „Kebab-Träume in der Mauerstadt“. Es sind Träume der Völkerverständigung, die Großstadt eine kosmopolitische Utopie.
Während die Popkultur um 1980 weitgehend von Skepsis und Alarmismus geprägt war, schafften es Fehlfarben, an die Machbarkeit eines besseren Morgen zu glauben. Daraus lässt sich – neben viel guter Musik – auch etwas für unsere eigene Gegenwart mitnehmen: nämlich der Ansporn, den tristen Zukunftsaussichten, die Krieg und Klimawandel so mit sich bringen, positive Visionen entgegenzusetzen. Das ist nicht immer leicht und nicht immer glaubwürdig. Wenn Ängste sich als berechtigt herausstellen und Hoffnungen immer wieder enttäuscht werden, wer ruft dann noch überzeugt „Geschichte wird gemacht“? Doch man kann es auch umgekehrt sehen: Unsere Gegenwart überstNur wenn wir an eine gestaltbare Zukunft glauben, schaffen wir es, unsere Gegenwart zu überstehen.




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