Du liest: Was hört München?! – April

Wird geladen
svg
Offen

Was hört München?! – April

29. April 20266 Min. gelesen

Die Abende werden länger, alle sind draußen. An der Reichenbachbrücke ploppen die Spezis auf, die Rennradsaison ist in vollem Gange, die Eisbachwelle rollt langsam wieder in alter Stärke. In der Münchner Musikszene sprudeln Kreativität und Vielfalt in diesen spannenden neuen Releases.

„Alte, weiße Männer” – MC Harras

16 Jahre nichts. Kein Konzert, kein Album, keine halbe Reunion. Und dann das. MC Harras, der selbsternannte Gangsterrapper aus Münchens Vorzeige-Kiez Sendling, meldet sich zurück – und lässt dabei keine Sekunde daran zweifeln, dass die Pause eine gute Idee war. Denn wer nach so langer Zeit wiederkommt, braucht eine Geschichte. Und die hat MC Harras: Was wird aus dem Gangster, wenn der Körper anfängt zu streiken und das Leben plötzlich mehr nach Hausarzttermin als nach Straße klingt? Statt diese Frage zu verdrängen, macht er sie zum Thema – und zieht sich dabei selbst so gekonnt durch den Kakao, dass man vor Lachen kaum mitbekommt, wie gut die Musik eigentlich ist. Zwischen nostalgischen Hip-Hop-Beats und frischen Elektro-Anleihen sitzt jeder Track wie eine Pointe, die man nicht kommen sah. Kein Comeback-Pathos, kein Versuch, so zu klingen wie früher. Nur ein Mann, sein Viertel und die ehrliche Erkenntnis, dass man mit 50 vielleicht kein Gangster mehr ist – aber immer noch der Lustigste im Raum.

Foto von Rapper Ino Yin.
Rapper Ino Yin hat eine neue EP.

Ino Yin: Mit Rap vom Winter auftauen

Über den Winter hat sich was angestaut bei Rapper Ino Yin, jetzt sprießt es alles heraus auf der neuen EP „Aufgetaut”. Dichte Beats von Producer zzeno preschen nach vorn und jetzt ist die Zeit für Aufschwung und sich „Fresh&Clean” zu fühlen, nachdem das Gefühl für die Zeit fast verloren gegangen ist. Slight Autotune, eingängiger Refrain, perfekter Start. Danach wird es deep, es geht um Selbstbewusstsein und der Part von K:NAI flowt mächtig auf den Ohren. Nur die Hook „Ihr seid cool, doch wir sind besser” lässt etwas plump die Muskeln spielen. Stark schließt die EP dann mit „Freezing Cold” mit einem sehr bildhaften Text, der die Sehnsucht nach Frühling im tiefen Winter einfängt. Besonders gut sind hier auch die einzelnen Klaviertupfer gesetzt, die mitten im Stück etwas Licht in den dunklen Beat bringen.

Mehr Selbsterkenntnis mit der Musik von DE LOUA

Sängerin DE LOUA.
Sängerin DE LOUA macht “Conscious Pop”

Es scheint fast so, als hätte DE LOUA den Pop studiert. Geschmeidig, eingängig, glänzend und ein detailreicher Sound auf dem sich eine akrobatische Stimme ausdehnt. Auf ihrer neuen EP „I’m still figuring out Adulthood” geht es, wie der Titel schon verrät, um Selbsterkenntnis als Prozess nicht als Ziel. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die sechs Songs, die so ganz unterschiedliche Stimmungen abbilden und voller Energie strotzen. Nachdenken, erfahren und einfach auch hinein ins Leben springen, diese Ambivalenz bringt DE LOUA poppig auf die Tonspur. Dabei verfolgt die musizierende Psychologin auch einen tieferen Ansatz: Für sie ist Sound ein Bewusstseinsraum, in dem Innen- und Außenwelt miteinander sprechen. Sie nennt ihre Musik deshalb auch „Conscious Pop”.

Encantada – Cumbia pa’l arte

Verführerisch leicht tänzelt der Cumbia auf der neuen Single von Encantada. Es kräuselt im Ohr, die Rhythmen laden zum Bewegen ein. Gleichzeitig entläd sich zwischen den Zeilen eine große Kraft der feministischen Verbundenheit und Solidarität im Protest. Ein starker Song, der die lange Tradition des Cumbia für eine gesellschaftskritische Message auf den Punkt des Zeitgeschehens nutzt, ohne die Leichtigkeit zu verlieren.

Cover zu Vilo - Letzte Seite.

Vilo – Letzte Seite

Es braucht nicht viel Expertise um gleich sagen zu können: Diese tragende wie schwungvolle Stimme trifft einen Nerv. Viel Potenzial steckt in Vilo, gerade mal 18, schon seine zweite Single und schon so poetisch, schwer, ausgereift. Intensiv, balladig zwischen den Emotionen schwingt “Letzte Seite”. Ein Pflaster für gebrochene Herzen und ja, die Vergleiche mit Berq lassen sich nur schwer vermeiden. Gespannt auf mehr!

Cover zu cleomadita - erwach(s)en

cleomadita – erwach(s)en

In jeder Zeile spricht aus cleomadita das beklemmende Gefühl vieler junger Menschen, die gerade erstmals ausziehen, ausprobieren und plötzlich selbstständig, “erwach(s)en” werden (müssen). Die junge Musikerin fasst diese Emotionen in so klare und treffende Zeilen, ein rasender Gedankenfluss. Die Stimme zittrig und entschlossen, die Beats sanft und modern. Eine viel versprechende erste Single, voll Sehnsucht und Ungewissen.

Balthasar Zehetmair - Redaktion

Sucht den Sinn des Lebens in Bob Dylan Songtexten und findet ihn bei den Wildecker Herzbuben. Meistens in Schallplattenläden und immer mit Kopfhörern auf den Ohren zu sehen.

svg

Was denkst du?

Kommentare anzeigen / Kommentar hinterlassen

Sag uns, was du denkst

Auch ein guter Beitrag!
Wird geladen
svg