Die Stadt hat einen neuen Bürgermeister und es fühlt sich alles neu, voller Schwung an. Mit diesen neuen Releases und Tipps aus der Münchner Musikszene lässt sich nun perfekt in den Frühling starten. Also ab an die Isar, in den Park oder Englischen Garten, Kopfhörer auf und fallen lassen.
Bläser, Beats und Synthies auf dem Debüt von Eyries
Am Anfang ist da immer die Vision. So war es auch bei Jonas Danecker und Johannes Ludwig, als sie sich 2020 zu ersten Aufnahmesessions trafen. Fünf Jahre später, viel Experimentieren, einige Studiotage, eine neugegründete Band und ein langer, leidenschaftlicher Kreativprozess später ist die Vision real geworden. Die Debüt-EP „Polarity” von Eyries ist aus der Taufe gehoben. Und wie lautet das Sprichwort gleich? Was lange währt wird endlich gut? Nun das trifft hier perfekt zu. Über 22 saftige Minuten breitet sich hier eine feingestickte Soundlandschaft zwischen Post Rock, Indietronic und Anklängen von Kammermusik aus. Alles greift und fließt ineinander über, organische Klänge mit elektronischem Zauber, jeder Stich ist sorgfältig gesetzt. Pure Handarbeit am Klang in Zeiten voller künstlicher Schnellschuss-Produktionen. Holzbläser mäandern über Synthie-Beats, die Stimme von Jonas schwimmt umher zwischen Tristesse und Aufbruch. Ein detailreiches wie entspannendes Hörerlebnis! (Fans des tollen „Vertigo”-Albums von The Notwist kommen hier sicher auf ihre Kosten.)
Komplett in Trance bei Die Sauna

Das neue Album von Die Sauna „tut beni” ist perfekt für Zugfahrten im Regio am späten Nachmittag. Die Landschaft ist in blutrote Sonne getunkt, langsam fallen die Augen zu und auf den Kopfhörern erklingt der Song „durch deine augen” während die nächste Station in the Middle of Nowhere angesagt wird. Es trabt langsam sphärisch vor sich hin, alles verschwimmt, Synthies mit kalter Stimme und sanften Drums, warm dahin dämmern, komplette Trance. Psychedelisch-schweifend spielt Die Sauna auf ihrem dritten Longplayer mit den Songstrukturen. Manchmal löst sich alles auf, wie auf „irgendwann”, manchmal groovt es einfach nur dahin, wie auf „skit” (mit einem verdammt coolen Gitarrenriff und türkischem Sprechgesang) oder „wusstest du”. Meist unterkühlt, doch betörend schön umschließt uns die Stimme warm mit Texten voller Liebe und Sorge und gibt uns Trost während der Blick gedankenverloren in die Ferne schweift. Doch dann, plötzlich, wie aus dem Nichts (fast) ist da „Ich liebe dich”, das wie eine Zwangsheirat von Ian Curtis mit Roy Bianco klingt. Wir trinken fein perlenden Aperol im schwarzen Ledermantel und schunkeln zu wavigen Italo-Schlager. Alles ganz „tut beni” irgendwie!
Schnell reingehört: Neue Singles von Fruchtiger Beigeschmack und Greenwald

Fruchtiger Beigeschmack – Ich hör’ mich nicht
Es brüllt und lärmt und streitet und quietscht in der Großstadt, doch mit dieser Single ist von jetzt auf nun alles weg. Langsam schlendern wir mit der Stimme von Sängerin Milena durch die Straßen des Viertels und beobachten das Getümmel voller Apathie und Wollust. Der Indie-Jazz von Fruchtiger Beigeschmack sprießt leicht voll dunkler Gedanken.

Greenwald – Scandal
Es ist schwer zu erklären, doch plötzlich sind wir ganz vernarrt in diese eine Person. Alles kreist nur noch um sie und alle Freunde sind schon genervt. Unerklärlich schön, die Liebe. Gewohnt catchy, mit leichtem Romcom-Touch und heavy Gitarren erklingt dieses Gefühl bei Greenwald. Und der Refrain, er nistet sich ein im Kopf…unaufhaltsam.
Ganz leicht und doch so schwer bei insschlosswollen

3 Uhr nachts, letzte U-Bahn, die Scheiben spiegeln nur noch das eigene Gesicht. Auf den Kopfhörern läuft die EP „Vom Tanzen und Vermissen” von insschlosswollen und plötzlich fühlt sich der Heimweg an wie eine Szene aus einem Film, den man schon mal erlebt hat. Zerbrechliche Gitarren, schüchterne Kopfstimme, dazu Synths, die sich langsam aufbauen wie Gedanken, die man nachts nicht mehr loswird. In „Taube 2“ taumeln wir durch Erinnerungen an Begegnungen, die vielleicht größer waren im Kopf als in echt, während draußen die Straßenlaternen vorbeiziehen. Die Songs wackeln leicht in den Beinen, aber irgendwo zieht es gleichzeitig im Brustkorb, Coming-of-Age zwischen WG-Zimmer, Konzertcrush und dem Gefühl, dass früher alles einfacher war. Alles klingt nah, live, ein bisschen unfertig im besten Sinne, so als würde die Band direkt im Zimmer nebenan spielen. Man möchte dazu tanzen, obwohl man eigentlich nur vermisst — und genau deshalb funktioniert diese EP so gut.
Feinster Funk bei JJ Whitefield

Es groovt von Anfang an verraucht soulig auf „Exotic Meditations/Sloppy Souls” von JJ Whitefield. Und auf diesem Album denkt der umtriebige Soundkünstler, wie schon auf den Vorgängeralben, ganz klassisch in (Schallplatten-)Seiten. Die erste Hälfte ist so als eine Erkundungstour angelegt. Auf kurzen Stücken, untermalt von kräftigem Funk, verwebt Whitefield zwischen den Beats verschiedene Klangkulturen von Ostafrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien hinein. Perlendes Glockenspiel, tänzelndes Saxophon oder fiebrig-nervöses Treiben, ganz à la Fela Kuti. Nach acht Tracks ein Cut, ganz neue Vibes, ganz andere Tempi, aber nicht minder entspannt. Einmal umgedreht geht es von der Soundreise in einem Schwung direkt in die After-Hour-Bar. Cocktail schlürfen und das Trommelfell streicheln lassen von sanften Grooves. Alles fährt herunter, es fühlt sich fast so an wie bei Miami Vice.
Ganz bei sich mit dem Debütalbum von Sophia Wolz
Mit ihrem Album About Life entwirft Sophia Wolz einen Sound, der sich leise anschleicht und erst nach ein paar Songs seine ganze Wirkung entfaltet. Vieles beginnt reduziert – ein paar warme Rhodes-Akkorde, zurückhaltende Beats, darüber eine Stimme, die eher beobachtet als inszeniert – und genau daraus entsteht diese einzigartige Mischung aus Soul, Indie und leicht verträumtem Art-Pop. Immer wieder öffnen sich die Arrangements, kleine Chöre tauchen auf, Synthflächen flimmern im Hintergrund, dann zieht sich alles wieder zusammen und lässt viel Platz für die Texte. Inhaltlich geht es um Selbstzweifel, Beziehungen, Müdigkeit vom Funktionieren und um die leise Hoffnung, dass irgendwo doch ein ruhiger Punkt wartet. Das Album bleibt dabei konsequent in seiner zurückgenommenen Stimmung und setzt nicht auf große Ausbrüche, sondern auf Atmosphäre und Nähe. Gerade dadurch fühlt sich About Life weniger wie eine Sammlung einzelner Songs an, sondern eher wie ein zusammenhängender innerer Monolog, dem man erstaunlich gern und aufmerksam zuhört.





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