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XATAR – Ein Leben ist nicht genug: Wie Giwar Hajabi die Stimme der Straße hörbar machte

9. Mai 20268 Min. gelesen

Vor rund einem Jahr ist Giwar Hajabi, auch bekannt als Xatar, im Alter von 43 Jahren gestorben. Er war Rapper, Unternehmer, Geschäftsmann, Labelboss und Symbolfigur des Rap in Deutschland. Letzte Woche erschien nun in der ARD die dreiteilige Dokumentation „XATAR – Ein Leben ist nicht genug“, die sein Leben im Rückblick durch Erzählungen seiner engsten Angehörigen und Wegbegleiter nachzeichnet.

Im Zentrum der drei Episoden steht vor allem die Erzählung seiner Frau Farvah Hajabi sowie enger Freunde und Künstlerkollegen wie Samy und SSIO. Sie erzählen vom gemeinsamen Aufwachsen am Brüser Berg in Bonn, von Xatars ersten Schritten in der Musik und davon, wie Aufstiege und Brüche sein Leben prägten. 

Aus Kurdistan zum Brüser Berg bis in die Spitze der Charts

Geboren wurde Giwar Hajabi in Sanandadsch, einem kurdischen Gebiet im Iran. Seine Eltern, aktiv in der kurdischen Demokratiebewegung, flohen mit ihm in den Irak, wo sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur kurdischen Minderheit in Haft kamen. Dort erfuhr er mit nur drei Jahren die Härte des Gefängnisses. Später gelangte er mit seiner Familie über einen Zwischenstopp in Paris als Asylbewerber nach Bonn in Deutschland. 

Dort verbrachte er den Großteil seiner Jugend, lernte mit neun Jahren das Klavierspielen und verbrachte den anderen Teil seines Lebens auf der Straße. Sein Vater, ein bekannter Komponist im Iran, verließ die Familie früh. Seine Mutter, Akademikerin und Lehrerin, brachte die Familie vorerst allein über die Runden. 

Erstmals in Berührung mit dem HipHop kam Giwar Hajabi mit dem Debütalbum “The Chronic” von Dr. Dre, welches 1993 erschien. Kurz darauf begann er unter dem Pseudonym Xatar (kurdisch für “Gefahr”) im Jugendzentrum Songs zu produzieren und im Keller unter einem Internetcafé im Brüser Berg zu rappen. Dreißig Jahre später ist Xatar zu einem der bekanntesten Gesichter im Deutschrap geworden und sein Einfluss und Engagement in der Szene kaum mehr wegzudenken. 

Xatars Erfolg und die, die er mit nach oben nahm 

Xatar hat den Rap in Deutschland für sich und für andere nachhaltig verändert. Der Mainstream der 2000er Jahre beherbergte zuvor zwar viele einflussreiche Künstler:innen mit Migrationsgeschichte, wie Bushido oder Aggro Berlin-Rapper, war aber noch stark von hochgestochenem Deutsch und politischer Abstinenz geprägt. 

Ab den 2010er Jahren wurde kontinuierlich klar, dass sich in Deutschland eine postmigrantische Gesellschaft herausbildet, und mit ihr eine Generation, dessen Biografien und Lebensrealitäten längst von der Migration der letzten Jahrzehnte geprägt sind. Während in der Sarrazin-Debatte und mit zunehmendem Rechtspopulismus noch darum diskutiert wird, ob es denn noch eine “Leitkultur” gibt, oder was “deutsch” oder “migrantisch” ist, machen Rapper:innen klar, dass hybride Biografien schon längst eher Standard als Ausnahme sind. Fragen über Zugehörigkeit, Migration und gesellschaftlicher Teilhabe werden von ihnen auf den Tisch gebracht, wo sie in politischen oder medialen Diskursen häufig an den Rand gedrängt oder als “andere” verhandelt wurden.

In diesem Kontext platzen Künstler wie Haftbefehl, Celo & Abdi, Eko Fresh, Bero Bass und Xatar in die Szene und verschieben die Perspektive. Sie brachten ihre eigenen Erzählungen, Sprachcodes und Perspektiven in die Szene ein. Geprägt von einer sich zunehmend pluralisierenden Gesellschaft und unterschiedlichen sprachlichen Elementen aus dem Deutschen, Türkischen, Arabischen, Kurdischen oder Zaza machten sie Lebensrealitäten hörbar, die zuvor im Mainstream kaum präsent waren. 

Die sogenannte Generation Haftbefehl, die eine neuen Ära des Deutschrap seit dem Anbruch der 2010er prägt, macht bis heute hörbar, wie postmigrantisch die gesellschaftliche Realität in Deutschland längst ist: Sie zeigt, dass transnationale Biographien und Migration die Gesellschaft in Deutschland schon lange nachhaltig geprägt haben – und dass dieser Einfluss einen Raum in politischen wie kulturellen Sphären verdient. Wurde dieser Raum bislang verwehrt, holt man ihn sich selbst: „Hafti und Xatar haben eine Sprache gesprochen, die wir verstanden haben. Wir sind multikulturell aufgewachsen, und wir haben mit unseren Freunden auch so oder so ähnlich gesprochen in unseren Blocks. Das war das Original.“ (Zitat von MC Kozart)

Was für viele lange unerreichbar schien, hat Xatar verwirklicht – und auf diesem Weg zahlreiche Künster:innen mitgenommen. Als Labelchef von „Alles oder Nix“ förderte er Karrieren von Künstler:innen wie Schwesta Ewa, Mero, Eno oder SSIO. Er war davon überzeugt, dass ihre Stimmen gehört werden müssen, und setzte alles daran, dass sie nicht wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden: „Weil es viele Gerüchte im ganzen Land auf der Straße gibt. […] Mach dir keine Sorgen, weil ich bin der Grund, dass dieses Land überhaupt weiß, dass es die Straße gibt.“ hört man XATAR in einer Archivaufnahme in der ARD-Doku sagen.

Während Künstler wie Azad bereits früh eine kurdische Identität im Deutschrap sichtbar machten, trugen Xatar, Haftbefehl oder Kurdo dazu bei, diese im Mainstream zu verankern. In ihren Texten und Auftritten zeigten sie offen und selbstbewusst wer sie sind und bieten damit bis heute für viele junge Menschen die Möglichkeit, sich als Kurd:innen im öffentlichen Raum zu zeigen.

Wo vielen im Deutschrap zuvor die Türen verschlossen blieben, schuf Xatar einen Raum für jene, deren Geschichten bislang kaum erzählt oder gehört wurden: Stimmen von der Straße, aus der Diaspora und vom Rand der Gesellschaft, die längst Teil von Deutschland sind. Gerade in einer Zeit, in der sich Rassismus erneut offen in gesellschaftspolitischen „Mitte“-Diskursen zeigt, braucht es diese Gegenstimmen und die Sichtbarkeit von Künstler:innen, die gesellschaftliche Realitäten hörbar machen.

Die ARD-Doku knüpft genau da an: Sie erzählt Giwar Hajabis Leben aus der Perspektive derer, die dieses begleitet haben, und macht dabei sichtbar, wie eng Xatars Biografie mit dem Wandel einer ganzen Szene verbunden ist – und warum das, was er hinterlassen hat, über seinen Tod hinaus weiterlebt. 

Titelbild: Xatar (2018) © Giwar Hajabi CC BY-SA 2.0

Lucia Schmidt

Aufgewachsen zwischen Britpop-, Indierock- und HipHop-CDs war die Musikleidenschaft vorprogrammiert. Seitdem stöbere ich auf Flohmärkten nach CD-Schätzen, entdecke Vorbands als neue Lieblingsacts und zähle die Tage bis zum Release-Friday. So manches, was sich dabei an Eindrücken, Fundstücken und Gedanken ansammelt, landet hier.

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